Das Eisenbahnbetriebsfeld "Leipzig-Leutzsch"

Mechanisches Wärterstellwerk des Lehrstellwerkes im Jahr 1988. Vorne die Modellbahnanlage. Sammlung: Eisenbahnfreunde Kötzschau e.V.

Geschichte

Das Eisenbahnbetriebsfeld / Lehrstellwerk Leipzig-Leutzsch war eine Ausbildungsanlage der Betriebsschule der Deutschen Reichsbahn in Leipzig. Es hat eine sehr wechselvolle Geschichte. Nach Jahren erfolgreichen Ausbildungsbetriebs war die Anlage mehrfach von der Verschrottung bedroht und kann heute wieder in eine gesicherte Zukunft schauen. Dabei wird das Betriebsfeld heute wieder für den Zweck genutzt für den es erbaut wurde: zur Nachwuchsförderung und Ausbildung. Ende der 1970er Jahre enstand die Idee zum Aufbau der Anlage, durch Vertreter des Reichsbahnamtes und der Betriebsschule Leipzig. In einem bisher als Kulturraum genutzten Gebäude auf dem Gelände des Bahnhofs Leipzig-Leutzsch, wurde die Anlage als neue Außenstelle der Betriebsschule eingerichtet. 1980 begann der Bau, verteilt über 3 Baustufen, bis er zur zweiten Jahreshälfte 1983 abgeschlossen war. Zunächst wurde das Gebäude vorbereitet, die Räumlichkeiten umgebaut und angepasst, damit die Anlage Platz fand. Gleichzeitig wurde originale Stellwerkstechnik, die auf Stellwerken in und um Leipzig außer Betrieb ging, gesammelt und zur Verwendung im Eisenbahnbetriebsfeld neu zusammen gestellt. Im ersten Bauabschnitt waren das die beiden mechanischen Stellwerke der Bauform Jüdel. Beide wurden ursprünglich vor dem Ersten Weltkrieg gebaut, eines davon stammt aus der Zeit vor 1911. So ganze Stellwerke, oder Teile, ursprünglich von:

 

Mechanisches Fahrdienstleiter-Stellwerk

Weiternutzung vom ehem. Abzweig Möckern, an der Eisenbahnstrecke Leipzig-Wahren - Leipzig Hbf. Das Holzkasten-Tastenpult war zuvor im Fahrdienstleiter-Stellwerk Lä des Bahnhofs Leipzig-Leutzsch verbaut.

 

Elektromechanisches Stellwerk

Stammt ursprünglich aus Lagerbeständen der Signal und Fernmeldemeisterei und wurde speziell für die Anforderungen im zukünftigen Eisenbahnbetriebsfeld umgebaut und angepasst.

 

Sämtliche Gleisbildstellwerke wurden extra für die Anlage angefertigt. Für die mechanischen Blockkästen der Blockstellen, wurden ebenso alte Teile verwendet. Hier kam als ältestes Bauteil im gesamten Betriebsfeld, ein Blockkasten zur Nutzung der im Jahr 1898 vom Hersteller Siemens & Halske gefertigt wurde, wie der noch heute vorhandene Abnahmezettel im Inneren zeigt. Er datiert genau auf den 12. Januar 1898! Die Deutsche Reichsbahn bekam beim Bau des Betriebsfelds auch den häufigen Mangel in der DDR zu spüren. So gestaltete sich beispielsweise der Bezug von ausreichend Kabel als teilweise schwierig und musste durch mancherlei Verhandlungsgeschick der beteiligten Eisenbahner "organisiert" werden. Zahlreiche Anekdoten dazu sind überliefert. Für die realistische Umsetzung der Handlungen an den Stellwerken entstand eine Modelleisenbahnanlage in der Baugröße H0. Die Signale dafür wurden in Eigenarbeit aus Messingteilen hergestellt. 

 

Zu den Innenanlagen des Betriebsfeldes, wurde auch eine Außenanlage errichet. Die bestand aus einem Gleis mit Weiche und Signalen. Die waren mit den Stellwerken der Innenanlage verbunden. Auf dem Gleis stand ein Güterwagenuntergestell mit vollständiger funktionstüchtiger Bremsanlage. Damit konnte das Kuppeln von Wagen und deren Bremsverbindungen geübt werden, genau wie die Funktionsweisen der Bremse. Dazu war eine Verdichteranlage vorhanden, damit die Bremsanlage wirklichkeitsgetreu funktionierte. 

 

An der Errichtung des Eisenbahnbetriebsfeldes waren verschiedene Dienstzweige der Deutschen Reichsbahn im Reichsbahnamt Leipzig bzw. der Reichsbahndirektion Halle und darüber hinaus beteiligt: 

 

Signal und Fernmeldemeisterei Leipzig

- Hochbaumeisterei Leipzig

- Bahnmeisterei Leipzig-Plagwitz

- Bahnbetriebswagenwerk Leipzig

- Starkstrommeisterei Leipzig

- Betriebsschule des Reichsbahnamtes Leipzig

- Signal und Fernmeldewerk Halle

 

Am 29. September 1983 ging die Gesamtanlage für die Ausbildung in Betrieb, nachdem zuvor bereits die jeweiligen fertigen Teilabschnitte durch die Lehrlinge genutzt wurden. Mit einer Feierstunde, den üblichen Reden, von und mit zahlreichen höheren Vertretern der Deutschen Reichsbahn, sowie eine ausführliche Vorführung durch Auszubildende, wurde das Eisenbahnbetriebsfeld Leipzig-Leutzsch eingeweiht. Anschließend gab es eine Festtafel im Kulturraum des Hauptbahnhof Leipzig. 

 

Bis Juli 1999 wurde das Lehrstellwerk Leipzig-Leutzsch auch noch vom Rechtsnachfolger der Deutschen Reichsbahn, der Deutschen Bahn AG (Dienstleistungs-Zentrum- Bildung, Trainingszentrum Halle/Leipzig) zu Ausbildungszwecken genutzt. Nach Einstellung des Ausbildungsbetriebs sollte die Anlage verschrottet werden. Die Zerstörung konnte durch den damals gegründeten Verein IG Betriebsschule Reichsbahnamt Leipzig e.V. (später Eisenbahntraditionsmuseum Leipzig e.V.) verhindert werden, dessen Mitglieder sich aus ehem. Auszubildenden und Ausbildern der Betriebsschule zusammenfanden. Im November des selben Jahres wurde es dem Verein übergeben, der es daraufhin in Leipzig-Leutzsch abbaute. Der Verein wollte die Anlage im Bahnbetriebswerk Leipzig Hbf Süd wieder aufbauen, wohin er es nach Abbau in Leutzsch brachte. Dazu kam es nicht und durch vielerlei Umstände musste sich der Leipziger Verein vom Betriebsfeld trennen. Nun stand das Eisenbahnbetriebsfeld Leipzig-Leutzsch zum zweiten Mal vor der drohenden Zerstörung. Unser Verein Eisenbahnfreunde Kötzschau e.V. hat das vollständig zerlegte Eisenbahnbetriebsfeld im Sommer 2008 mit mehreren Transporten nach Kötzschau geholt, mit dem Ziel des Erhalts, dem Wiederaufbau in alter Größe und Form, sowie der Wiederherstellung der vollen Funktionstüchtigkeit. Mit den Sanierungs- und Bauarbeiten am Empfangsgebäude des Bahnhofes Kötzschau, wurde gleich von Anbeginn der Planungen das Betriebsfeld in einem Gebäudeteil mit einbezogen. Umfangreiche Umbauten zum Einbau mussten am Gebäude vorgenommen werden um das Lehrstellwerk in der ursprünglichen Größe wiedererstehen zu lassen. Von nicht wenigen Personen wurde uns das Scheitern eines Wiederaufbaus vorausgesagt, dem wir hartnäckig entgegenarbeiteten. Zur Eröffnung unseres Museums im Empfangsgebäude des Bahnhofs Kötzschau am 26. April 2014 konnte die Anlage, erstmals seit ihrem Abbau im Jahr 1999, wieder im vollständig zusammengebauten Zustand der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Hintergrund und Funktionsweise

Da auf regulär in Betrieb stehenden Stellwerken kein ausbildungsgerechter Unterricht durchgeführt werden konnte, mit Üben von Störungen und dergleichen, sollte wie oben erwähnt ab 1980 dazu eine eigens errichtete Anlage in einem Lehrkabinett entstehen. 

 

Das Eisenbahnbetriebsfeld besteht aus einer zweigleisigen Modellbahnanlage der Spurweite H0, die auch über einen eingleisigen Streckenabschnitt verfügt. Diese Modellbahnanlage verzichtet völlig auf eine Gestaltung mit Gebäuden, Landschaft oder Bäumen. Die Gleise sind lediglich ohne weitere Ausgestaltung auf den lackierten Platten der Unterkonstuktion angebracht. Die Betriebsstellen der Modellbahn 2 Bahnhöfe, 2 Blockstellen, 1 Abzweigstelle sowie 1 Schrankenposten, werden von originaler (also echter) Stellwerkstechnik im Maßstab 1:1 gesteuert. Vereinfacht: wird z. Bsp. an einem mechanischen Stellwerk der Hebel für eine Weiche umgelegt, stellt sich die entsprechende Weiche auf der Modellbahn. Mit „Modelleisenbahnspielen“ hat dies aber nichts zu tun, vielmehr dient das Betriebsfeld der möglichst praxisorientierten Ausbildung im Stellwerksdienst und schlicht der Simulation des realen Eisenbahnbetriebs. Die Modellbahn ist nur sichtbarer Teil der umgesetzten Handlungen an den Stellwerken. Nicht der Modellbahn, sondern den Stellwerken gilt die Hauptaufmerksamkeit des Auszubildenden. In den Betriebsstellen sind mechanische, elektromechanische und relaisgesteuerte Stellwerke vorhanden. Bauformen die damals bei der Deutschen Reichsbahn, aber noch heute im Netz der Deutschen Bahn AG, im Betrieb anzutreffen waren und sind. Folgende Betriebsstellen sind vorhanden:

 

- Bahnhof Hagen             

   mech. Fahrdienstleiter- & Weichenwärterstellwerk Felderblock

   Bauform Jüdel 

- Blockstelle Seeblick     

   Bedienpult Gleisbildstellwerk GS II mit Felderblock

- Abzweig Born               

   elektromech. Stellwerk E12/78 mit Felderblock

- Bockstelle Linde           

   Bedienpult Gleisbildstellwerk GS II

- Bahnhof Ebach             

   Bedienpult Gleisbildstellwerk GS II

- Schrankenposten 4

 

Die Bezeichnungen der Betriebsstellen sind reine Fantasienamen und haben mit eventuell wirklich existierenden Bahnstationen gleichen Namens keine Gemeinsamkeit. Weil zu den nach Vorschrift durchzuführenden Handlungen an den Stellwerken vor allem auch die Bedienungen bei Störungen zählen, ist für den Ausbildungsleiter ein entsprechendes Havariepult vorhanden. Damit konnte er insgesamt 30 unterschiedliche Störungen im laufenden Betrieb provozieren. Die Auszubildenden hatten dann exakt nach Vorschrift den Betrieb aufrechzuerhalten und die Bedienung weiter durchzuführen. 

Lehrbetrieb

Die Inbetriebnahme des Lehrbetriebes mit dem Eisenbahnbetriebsfeld wurde ein voller Erfolg. Das machte sich besonders bei der Durchfallrate der Auszubildenden bei Prüfungen schnell bemerkbar. Lag die zuvor bei ca. 20 %, konnte sie nun auf nur noch ca. 2 % gesenkt werden. Die praktische Ausbildung am Lehrstellwerk half also sehr im Erlernen der richtigen Handlungsweisen. 

 

Auch heute noch kann das Betriebsfeld Leipzig-Leutzsch Auszubildenden in Eisenbahnberufen als praktisches Anschauungsstück dienen. Zahlreiche Bahnunternehmen und Berufsfachschulen haben bereits Lehrtage mit ihren Auszubildenden daran durchgeführt. Aber auch den Besuchern unseres Museums wird die komplexe Stellwerkstechnik anschaulich nähergebracht. Nähere Informationen zu Lehrtagen am Eisenbahnbetriebsfeld finden Sie auf dieser Seite.

Wiederaufbau

Mit der Übernahme des Eisenbahnbetriebsfeldes, stand für unseren Verein fest, die Anlage muss wieder zum alten Zustand zusammengefügt werden. Das Lehrstellwerk war, wie in der unten zu sehenden Galerie, vollkommen zerlegt. Teilweise in kleinste Teile. Von der Modellbahn war nur noch die Unterkonstruktion vorhanden, keine Gleise oder Fahrzeuge. Mit mehreren Transporten wurden die Einzelteile nach Kötzschau gebracht. Hier konnten sie zunächst nur eingelagert werden, weil am alten Museumsstandort noch kein Platz für einen Aufbau vorhanden war. Lediglich das mechanische Fahrdienstleiterstellwerk der Bauform Jüdel, wurde in den Museumsräumen weitestgehend zusammengebaut präsentiert. Wie erwähnt wurde uns ein originalgetreuer Wiederaufbau nicht zugetraut, eine Funktionstüchtigkeit wurde sogar als völlig abwegig von nicht wenigen Personen angesehen. Doch das bestärkte unseren Willen noch mehr das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Dabei war uns von Anbeginn vor allem ein originalgetreuer Wiederaufbau wichtig. Die Anlage sollte genauso aussehen wir vor dem Abbau in Leipzig-Leutzsch und selbstverständlich genauso funktionieren.

 

Mit den beginnenden Sanierungsarbeiten im Empfangsgebäude des Bahnhofs Kötzschau im Jahr 2011, dem Museumsstandort ab 2014, wurde gleich ausreichend Platz für den Einbau des Betriebsfeldes vorgesehen. Im Westflügel des Hauses sollte es seinen Platz finden. Wände wurden abgebrochen, neue Fundamente errichtet, die Bodenplatte mit Verstärkungen und Aussparungen versehen, sowie darin Kabelkanäle eingebaut. Die beiden mechanischen Stellwerke wurden dazu extra über mit Blechen abgedeckten Gruben platziert. Von deren Hebeln werden später Drahtzüge in das Außengelände des Museums führen. Zukünftig würden sich damit nicht nur die Weichen und Signale der Modellbahn bedienen lassen, sondern auch die originalen Signale in unserem Signalgarten im Freigelände. Bereits am alten Standort der Anlage im Bahnhof Leipzig-Leutzsch war an das Betriebsfeld eine Außenanlage angeschlossen, hat also einen historischen Hintergrund. Ende 2013 bis Frühjahr 2014 lief der Aufbau der Anlage im Empfangsgebäude. Also der Zusammenbau und die Komplettierung der Stellwerke, ebenso der Wiederaufbau der Unterkonstruktion der Modellbahnanlage. Seither ist das Betriebsfeld in alter Größe vorhanden. Danach konnte die Widerherstellung der Funktionstüchtigkeit in Angriff genommen werden. Seither laufen in Abschnitten diese Arbeiten. Das gestaltet sich kompliziert, aber jeder Bauabschnitt bringt uns dem Ziel näher. Pläne mussten zunächst aus den spärlich überlieferten Unterlagen rekonstruiert und neu gezeichnet werden, als Grundlage für die Neuverkabelung. Letztere ist notwendig da leider beim damaligen Abbau in Leipzig-Leutzsch im Jahr 1999, ganze Kabelbäume bündig durchtrennt wurden. Viele hundert Kabel mussten seither neu gezogen werden. Im Jahr 2015 wurde die vollständige Gleisanlage der Modellbahn mit Weichen genau nach dem historischen Gleisplan neu versehen. Fahrzeuge können seither auf der Modellbahn verkehren. Sämtliche notwendigen Signale der Anlage sind zum Beginn des Jahres 2020 wieder auf der Modellbahn aufgestellt worden. Hinzu kam hier die historische Beschilderung jedes Signals, jeder Weiche usw. mit den originalen emaillirten Schildern. 2016 und 2017 wurden nach und nach die Stellwerke verbunden, so dass ein Vorführbetrieb der Betriebsstellen untereinander möglich ist. Von den 6 vorhandenen Stellwerken des Betriebsfelds sind derzeit 4 funktionsfähig. 2017 wurde eine Digitalsteuerung der Modellbahn eingebaut. Momentan arbeiten wir weiter an der Anlage, so dass die komplette Funktionstüchtigkeit des Eisenbahnbetriebsfeldes Leipzig-Leutzsch bald wieder zu erleben sein wird. (Stand 2020)

Sonstiges

In der unten stehenden Galerie können Sie einige Impressionen aus dem Lebenslauf des Eisenbahnbetriebsfelds Leipzig-Leutzsch bis zum Wiederaufbau in unserem Museum nachverfolgen.

 

Hinweis: Falls Sie als Besucher unserer Website, ehemaliger Auszubildender sind und das Betriebsfeld Leipzig-Leutzsch kennen, vielleicht Fotografien usw. aus dieser Zeit besitzen, würden wir uns über eine Kopie freuen! 

Oder möchten Sie uns mit Ihrer tatkräftigen Hilfe, oder auch finanziell mit einer Spende, unterstützen? Treten Sie mit uns in Kontakt. 

Zur technischen Betreuung der Anlage erreichen Sie unseren Stellwerksbeauftragten Herrn Ernst unter: stellwerk@eisenbahnfreunde-koetzschau.com

Das Eisenbahnbetriebsfeld in bewegten Bildern

In diesem kleinen Film stellen wir die beiden mechanischen Stellwerke der Bauform Jüdel näher vor. Es werden Ein- und Ausfahrten von Zügen und die dazu notwendigen Handgriffe an den Stellwerken gezeigt.

Das Museum hat wieder geöffnet:

Sonntag

26. Januar 2020

14:00 - 18:00 Uhr

Weitere Öffnungstermine finden Sie hier.

Anreise

Museum zur Geschichte

der Eisenbahnstrecke

Leipzig - Großkorbetha
Am Bahnhof 27
06237 Leuna / OT Kötzschau

 

Stündlich erreichbar in den Zügen der ABELLIO Rail Mitteldeutschland GmbH

Die Linie RB 20

Ab Leipzig Hbf in 22 Min.

Ab Erfurt in 75 Min.

Ab Eisenach in 120 Min.

 

Anfahrt mit dem PKW

Partner im

Bahn- Bus- Landesnetz

Sachsen-Anhalt

und Träger des Siegels

 Update: 

 24.12.2019 

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